Der ultimative Leitfaden für organisierte Desinformation bei der Energiewende

Im deutschen Fokus und in der Frankfurter Allgemeine ist soeben ein Artikel erschienen, der den Berufstand Journalist und die Spezies “Experte” mal wieder in einem unglaublich schlechten Licht dastehen lässt.

Worum geht es?

Dieser Artikel ist erschienen und er Titel lässt schon mal keinen Zweifel offen:

Quelle: Fokus Online

Auf den ersten Blick ein weiterer Artikel, der sich ins EEG-Bashing einreiht, das kurz vor dem Abschluss der Verhandlungen zum neuen EEG in Deutschland seinen Höhepunkt erreicht. Wer sich mit der deutschen Energiewende ein wenig beschäftigt, wird bereits mitbekommen haben, dass es wegen zu großen Erfolges nun von allen möglichen Seiten kritisiert wird. Ich habe mit den Energiebloggern auch gerade eine Aktion laufen, bei der wir die unterschiedlichen Vorschläge aufbereiten und schlussendlich auch bewerten. Bei dieser Arbeit und den internen Diskussionen wurde schon klar, dass die alte Energiewirtschaft sehr, sehr großes Interesse daran hat, diesen Klotz am Bein wieder irgendwie loszuwerden und gerade sehr viele Menschen damit beschäftigt sind, der Regierung ihre Interessen zu vermitteln. Wenn ich dann so einen Artikel lese, kann ich es kaum fassen, mit welcher Konsequenz und Dreistigkeit dieses Ziel der Demontage verfolgt wird. Der Artikel liest sich wie ein Lehrstück für organisierte Desinformation. Ich versuche hier mal die Erfolgsfaktoren herauszuarbeiten.

1. Experten zitieren

Im ersten Abschnitt wird schon mal Seriosität des Inhalts vermittelt, indem das schöne Wort “Experten” vorkommt. Dem Leser wird dabei nicht wirklich vermittelt wer diese Experten sind. Einzig genannte Person ist ein gewisser Managementprofessor Dietmar Harhoff von der Universität Hohenheim. Sein Spezialgebiet liegt im Bereich Entrepreneurship und Innovation. Aha… ich stelle mir gerade vor, welche Expertise mein ehemaliger Entrepreneurshipprofessor in der Energiewirtschaft aufzuweisen hätte und ob er sich in diesem Bereich gerne als Experte bezeichnen lassen würde. Von den anderen Leuten der “Expertenkommission Forschung & Innovation” wissen wir laut diesem Bericht erstmal nichts.

2. Den Zeitraum von Studien so wählen, dass das gewünschte Ergebnis rauskommt

Nun der Punkt, der mich am meisten stutzig gemacht hat. Die Aufgabe, dieser Expertenkommission war anscheinend herauszufinden, ob das EEG zu Forschung und Innovation beiträgt.Das Ergebnis im Zitat:

“Das EEG sei weder ein kosteneffizientes Instrument für den Klimaschutz, noch bewirke es einen messbaren Zugewinn an neuen Technologien”.

Aha… DAS ist ja interessant. Abgesehen davon ob diese Aussagen so stimmen kann und unter welchen Annahmen man zu dem oben genannten Ergebnis kommen kann schauen wir uns mal an welchen Zeitraum man sich angesehen hat. Es steht weiter.

“Eine empirische Untersuchung für den Zeitraum 1990 bis 2005 kann eine Innovationswirkung von Stromeinspeisevergütungen für erneuerbare Energien in Deutschland lediglich für Windenergie feststellen”, heißt es laut „FAZ“.

weiter unten heisst es:

“Eine aktuelle Analyse, die speziell die Innovationswirkung der Einspeisevergütungen des EEG von 2000 bis 2009 technologiespezifisch untersucht habe, finde “in keinem Technologiebereich einen positiven Zusammenhang”.

Aha, es gab also eine EMPIRISCHE Untersuchung, die 1990-2005 untersucht hat (in Worten: NEUNZEHNNEUNZIG BIS ZWEITAUSENDFÜNF!!!)

  • Entwicklung der Kosten für Photovoltaik 2006-2014 Quelle: BSW

  • Ist das wirklich euer Ernst? 2004 ist doch erst die entscheidende EEG-Gesetzesänderung für die PV durchgeführt worden, wie sollte es da als EEG irgendeine Wirkung entfaltet haben??? Nur als kleiner Input, hier die “technologische Entwicklung” der Photovoltaik durch das EEG, selbst bis 2009 ist die tatsächliche Wirkung noch lange nicht eingetreten. Entschuldigt die harten Worte, aber wir schreiben das Jahr 2014!! Die Aufzeichnungen des BSW beginnen sogar erst im Jahr 2006.

3. Die verlorene Uhr im Scheinwerferlicht suchen – Patente als Messlatte für das EEG???

Was noch erstaunlicher scheint, wenn man sich den Artikel näher ansieht, ist das kleine Wörtchen “empirisch”, dass dem Unbedarften Leser noch einmal suggerieren soll, dass es sich hier um wahnsinnig kluge Leute handelt, die ganz bestimmt recht haben. Nun, was bedeutet empirisch? Empirie unterscheidet sich kurz gesagt vor allem durch eine Systematik des Vorgehens und einer Objektivität die dadurch gewährt ist, dass die Untersuchung beliebig oft durchgeführt wird. Die Frage ist nun, WAS wurde eigentlich untersucht und auch bei diesem Punkt komme ich aus dem Staunen kaum raus. Es wurden die PATENTANMELDUNGEN IN DIESEM ZEITRAUM untersucht und als als Indikator für Innovationen herangezogen!! An dieser Stelle ein virtueller Facepalm… Noch mal – Ist das euer Ernst? Patentanmeldungen?? Für ein Gesetz, dass vor allem als Implementierungsförderung einer vorhandenen Technologie dienen soll und wo vor allem Geschwindigkeit zählt, weil in sechs Monaten, jegliches Patente veraltet sind und das Papier nicht wert sind auf dem sie geschrieben wurden?? Ich kann nur annehmen wie die Entscheidung diesen Punkt als entscheidenden Maßstab zu wählen abgelaufen ist. Man brauchte etwas, das man MESSEN kann und das beliebig oft wiederholt werden kann um empirisch glaubwürdig zu sein. Ich komme nicht umhin hier die Geschichte bzw. den Witz mit der Uhr zu erzählen. Ich habe leider ihren Ursprung vergessen und der Urheber möge sich bitte melden, vielleicht ist es aber ohnehin einen Volksweisheit.

A verliert seine Uhr auf der Strasse und sucht unter einer Laterne. Ein Passant B kommt vorbei und fragt was passiert sei. A erklärt, dass er seine Uhr verloren hat, B hilft ihm eine Weile zu suchen woraufhin folgende Diskussion statt findet.
B – Wo hast du die Uhr eigentlich verloren?
A – Dort drüben im Dunkeln.
B – Warum suchst du dann hier und nicht dort?
A – Na dort sehe ich ja nichts!

Na, klingelt’s? Genauso kommt mir nun dieses “empirische” Experiment vor. Patentanmeldungen – super, die können wir zählen! Ob das irgendetwas über die Innovationskraft des EEGs aussagt können wir nicht sagen, die unzähligen Prozessinnovationen in deutschen Handwerkerbetrieben, die massiven Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen sind ja nicht wirkliche Innovationen und vor allem unmöglich empirisch zu erheben, deshalb nehmen wir einfach die Patentanmeldungen… Udo Möhrstedt von IBC Solar hat auch eben eine Nachricht in den Elfenbeinturm schicken lassen.

4. Keinen Zweifel an der Richtigkeit und Wichtigkeit der Aussage aufkommen lassen

Ich weiß, dass war jetzt etwas viel zu dem kleinen Wörtchen “empirische” Analyse. Wie die “aktuelle” Analyse ausgesehen hat, ist aus dem Text leider nicht erkennbar. Der Autor lässt aber bis auf den Konjunktiv nur wenig Zweifel an den Aussagen der Autoren aufkommen. Die Experten haben das gesagt und deshalb MUSS das stimmen was die sagen. Nachdem es nun in kürzester Zeit schon in zwei Medien aufgegriffen wurde, ist es wahrscheinlich, dass auch andere Medien, dieses gefundene Fressen wieder aufnehmen. Ich sehe auch morgen schon die Schlagzeile in der Presse, die so mancher Redakteur dort sicher mit Genuss zitiert. Wenn euch der Artikel dann unterkommt, bitte unbedingt gleich im Kommentarfeld posten.

5. Schlüsse ziehen, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben

Nicht zuletzt werden dadurch Schlüsse gezogen, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben. Die Aussage, das EEG fördere keine Innovation ist schlichtweg falsch, es kommt nur darauf an, wie ich Innovation genau definiere. Wie die Auswirkungen des EEG auf den Klimaschutz sind kann nicht beantwortet werden ohne einen größeren Zusammenhang zu betrachten. Hier spielen Themen wie ein gescheitertes ETS-System und eine Überkapazität am Strommarkt sowie vor allem auch das EEG-Paradoxon eine viel größere Rolle als das EEG per se, die Schlussfolgerungen sind als mehr als fragwürdig.

Ist dieses Ergebnis im Sinne der Studienautoren?

Ich frage mich nun, wie der arme Herr Prof. nun dazu steht, zu so einer unrühmlichen Bekanntheit zu bekommen. Ich bin mir sicher, dass nicht angedacht war, diese Studie als Instrument zur Demontage des EEGs zu missbrauchen, oder doch? Wer die Studie ganz genau nachlesen will, kann das hier tun und mir ging es in dem Artikel vor allem um die unfassbar manipulative Darstellung des Inhalts in diesen Artikeln und ich verwette viel darauf, dass viele Medien das Thema aufgreifen werden.

Interessant finde ich auch, dass erst das 2014er Papier zu dieser Entscheidung kommt, die aus 2009-2013 klingen noch ganz anders. Sehr bald soll eine Gesetzesänderung passieren. Jeder darf sich selbst ausmalen, wieso die Veröffentlichung dieser Studie jetzt durch die Medien gejagt wird…

Weitere Desinformationsquellen gesucht

Bei den Energiebloggern sind wir immer wieder auf der Suche nach genau solchen Artikeln, die gezielt Desinformation betreiben. Ich möchte dies gleich als Anlass nehmen hier einen Aufruf zu starten. Falls euch solche Artikel unterkommen, bitte einfach posten. Wir werden sie dann in einer gesammelten Form veröffentlichen. Nicht vergessen mir auch Bescheid zu sagen, wenn der Artikel in der österreichischen Presse angekommen ist, die ja ach so gerne Negativmeldungen der deutschen Energiewende veröffentlicht ;-).

Ähnliche Artikel

Mittlerweile haben sich noch mehr Artikel formiert, die dieses Thema in richtiger Weise aufarbeiten. Vielleicht schafft es der Artikel ja gar nicht mehr in die österreichischen Massenmedien :-).

  • Sehr treffender Artikel vom TAZ
  • Energiezukunft behandelt auch noch das Thema Patente und fand sogar aktuellere Zahlen als die Experten
 
Über den Autor

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. Seit 2012 ist sie Chefredakteurin des von der Ritter Gruppe initiierten Solarthermieblogs Ecoquent-Positions und Mitbegründerin des größten deutschsprachigen Energiebloggerzusammenschlusses www.energieblogger.net. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die größte Einkaufsgemeinschaft für Unternehmen www.tausendundeindach.at und hält laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien.

15 Comments

  1. Ach ja, einen Aspekt hab ich im Artikel gar nicht beleuchtet. Schaut euch mal den Bildtext an, keine Ahnung was der in dem Artikel zu suchen hat:

    “Ökostrom ist oft günstiger als der Basisversorgungstarif”.

    Da ist wohl ein Bild von einem anderen – wohlgesonneren Redakteur dazwischengerutscht?

    Auch eigenartig war, dass ein Bild mit dem neuen Stromnetz dabei??

    • Fun-Fact No2: Das Bild ist schon weg und der Artikel wurde auch verändert. Zumindest hab ich rechtzeitig den Screenshot und die Zitate gesichert…

  2. Die Geschichte mit dem Suchen im Dunkeln oder unter der Lampe kommt bei Beck-Bornholdt und Dubben “Der Schein der Weisen” vor. Die kommen aber zu dem Schluss, dass es durchaus sinnvoller sein kann, dort zu suchen, wo man die Chance hat etwas zu finden, wenn es dort ist, als da, wo man mit Sicherheit nichts finden wird. Jede kleine Chance ist immer noch größer als 0! Das Beispiel taugt von daher nur bedingt. Im Übrigen ist dieses Buch sehr lesenswert!

  3. Hallo Joachim, danke für den Quellenhinweis. Ich finde das Beispiel taugt hier sehr wohl, es sei den ich hätte einen Knopf im Kopf. Deine Aussage bedeutet ja eben, dass es keinen Sinn hat im Licht zu suchen, weil es dort definitiv nichts zu finden gibt. Es wäre also besser im Dunkeln zu suchen, wo es zwar schwieriger ist etwas zu finden, aber doch eine Wahrscheinlichkeit gibt ETWAS zu finden.

  4. Dass nicht gerade die aktuellsten Zahlen verwendet werden ist ein klassisher Trick bei Studien, die die Photovoltaik nicht allzu gut aussehen lassen wollen. Bei den (Spin-)Doktoren der EFI dürfte ein weiterer Grund ein rein ökonomischer sein: Da es die schlichtweg zu viel Zeit (und Geld) kosten würde, alle 250 Seiten jedes Jahr up-to-date zu halten haben Sie einfach wieder den Text der Vorjahre genommen, wo im Prinzip das selbe drinsteht. Da kann es schon sein, dass die Urfassung dieses Kapitels schon einige Jahre alt ist – und da waren auch die Daten von 2005 noch ganz frisch.

  5. @0815 hui, das ist ja eine ganz schön deftige Behauptung, wobei ich fürchte, dass das durchaus im Bereich des Möglichen ist…

  6. Vielen Dank für diesen unterhaltsamen, aufklärenden Verriss! Ich hoffe nur, dass wir nicht nur preaching to the converted betreiben, sondern auch der eine BLÖD-Zeitungs- oder SPON-Leser ein bißchen selbst mitdenkt.

    Die Regionalmedien haben meinem Eindruck nach leider meist das reißerische Bashing fortgetrieben, nachgedacht hat aber z.B. der Kommentator der Südwest Presse: http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/KOMMENTAR-EEG-UMLAGE-Die-Abrechner;art4306,2473501

    Das Original der Uhrgeschichte stammt meines Wissens aus der “Anleitung zum Unglücklichsein” von Watzlawick, da geht es um Schlüssel :-)

  7. Ach wie Recht du hast: “Preaching to the converted” Aber wie kommt man da raus? Die Leser, lesen halt tendenziell das, was ihren eigenen Interessen entspricht und wo sich sich bestätigt fühlen… Deshalb bleibt ja jede Seite so beharrlich bei ihrer Meinung, aber du hast Recht, die Medien hätten hier eine wichtig Aufgabe. Ich hab leider auch Links von amerikanischen Medien bekommen, die das unreflektiert weitergeschrieben haben. In den USA entsteht deshalb gerade ein sehr schiefes Bild über die europäischen Energiepläne…

    Watzlawick das kann sein! Muss ich beim letzten Mal Lesen aufgeschnappt haben. Danke!

  8. Kein Wunder, dass ich die Quelle nicht gefunden hatte, es ist ein Schlüssel und keine Uhr!

    Danke Mel!

    http://de.wikipedia.org/wiki/Anleitung_zum_Ungl%C3%BCcklichsein

    Der verlorene Schlüssel oder „mehr desselben“[Bearbeiten]
    Ein Betrunkener sucht unter einer Straßenlaterne seinen Schlüssel. Ein Polizist hilft ihm bei der Suche. Als der Polizist nach langem Suchen wissen will, ob der Mann sicher sei, den Schlüssel hier verloren zu haben, antwortet jener: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.“

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