Stell dir vor es ist Netzparität und keiner geht hin

In Österreich und Deutschland wurde die Netzparität Anfang 2012 erreicht. Quelle Wikipedia

 

Leser aus der Zukunft werden diesen Absatz aus Wikipedia lesen und sich denken, wie das 2012 wohl war, als der historische Moment der Netzparität eingetreten und die dominierende Energieform der Zukunft nicht mehr aufzuhalten war. Sie werden denken, dass Grid-Partiy-Parties gefeiert wurden, die Medien in beiden Ländern voll mit diesen Breaking News und alle überglücklich waren.

Hmm, diesen Menschen aus der Zukunft möchte ich mit diesem Beitrag widmen und auch gleich mal darauf hinweisen, dass in genau diesem Jahr auch von der höchsten Energiestelle, der IEA, im World Energy Outlook eine Renaissance des Ölzeitalters und eine damit einhergehende unvorstellbare Umweltzerstörung vorhergesagt wurde.

Stell dir vor es ist Netzparität und keiner geht hin

Die Strompreiskosten aus Photovoltaik sind so weit gefallen, dass sie pro kWh deutlich unter 15ct/kWh liegen, meine eigene Anlage produziert Strom um 12 ct/kWh und trotzdem kriegt es die Masse nicht mit. Im Gegenteil, es wird massives Solarbashing betrieben. Vielleicht auch gerade WEIL sie eingetreten ist. 2008 als ich zum ersten Mal das Wort Grid Parity gehört habe, gabs noch nichtmal ein deutsches Wort dafür und in LEO gibt es seit Jahren lediglich einen Forumsbeitrag aber keine Übersetzung. Netzparität hat sich irgendwann herauskristallisiert, wobei das noch immer niemand versteht. Ich würds ja lieber Strompreisgleichheit nennen. Deshalb ist meine Energiebildungsmission heute, euch dieses Thema näher zu bringen damit sich bald alle so freuen können wie ich ;-)

Was ist Netzparität

Netzparität ist der Punkt wo  der Strompreis einer Anlage (Gestehungskosten) gleich dem Strompreis aus dem Netz wird. Dabei gibt es auch häufig Streitereien um welchen Preis es jetzt wohl geht. Ich erkläre dann immer die drei Stufen der Netzparität (Haushalt – Industrie – Börse).

  • 1. Stufe ROT – Gleichheit mit dem Haushaltstrompreis (Ö: 18-20ct/kWh) DIESER WERT IST BEREITS ERREICHT!!!)
  • 2. Stufe ORANGE- Gleichheit mit dem Gewerbe- bzw. Industriestrompreis (Ö: 5ct-15ct/kWh) IM GEWERBE IST BEREITS TEILNETZPARITÄT ERREICHT – je nachdem ob man für Energie überhaupt etwas bezahlt)
  • 3. Stufe – GRÜN Gleichheit mit dem Börse oder Abnahmestrompreis: 5-10ct/kWh (STEHT IM GROSSANLAGENBEREICH UNMITTELBAR BEVOR – Anlagen werden bereits mit diesen Preisen projektiert)
In meiner Lieblingsgrafik, die ich ebenfalls seit vielen Jahren beobachte, sieht man diese Stufen sehr deutlich. Links sind die Kosten/kWp und oben die Einstrahlung. Der Linke Strahl ging übrigens mal bis über € 3000,-/kWp, aber das hat man dann immer weiter zurückgestutzt. In der Mitte ist Europa mit Preisen zwischen 1300,–1800,-/kWp und einer Einstrahlung um die 1000 kWh/kWp. Ich weiß nicht ob ich die Grafik überhaupt rauskopieren darf, aber ich hoffe, dass mir Wikipedia für diese „GREATER CAUSE“ verzeiht.
Photovoltaik Strompreiskosten (Gestehungskosten) je nach Kosten/kWp und Einstrahlung. Diese Kosten kann mit dem Strompreisrechner jetzt jeder selbst durchführen.

Was bedeutet das? Wir sind bereits mitten drin in der Netzparität, so wie auch eingangs beschrieben. Anscheinend traut sich das aber keiner so richtig zu behaupten, selbst die IRENA sieht nur die „Schwelle“ erreicht. Das liegt vor allem daran, dass diese Netzparität sehr individuell ist und nicht über alle drübergeschoren werden kann.

Wo bleibt die Party?

Als 2009 noch jeder, der dieses Wort in den Mund genommen hat, als Spinner abgetan wurde, hatte ich die Hoffnung, dass an dem entfernten Tag wo Netzparität eintritt eine MEGA Party steigen wird. Die Grid-Parity-Party (GPP) sozusagen. Damals wurde dieser Tag von verschmähten Optimisten ins Jahr 2012 und von Pessimisten ins Jahr 2015 datiert. Es war jedenfalls SEHR weit weg und sowieso unrealistisch. Jetzt ist es soweit und die Party bleibt aus, weil die Grenzen in den Ländern so fließend sind und manche Firmen – nicht zuletzt wegen eben genau dieser Netzparität und dem damit zusammenhängenden Druck, pleite gehen.

Darkest before Dawn

Im April veröffentlichte McKinsey eine Studie über die Entwicklungen am PV-Markt und der verwendete Spruch trifft es wohl recht gut. Günter Maier von MG Energy hat ihn gestern beim Verbund verwendet und mich auch zu diesem Artikel inspiriert. Die Konsolidierung ist in vollem Gange und da bleibt keine Zeit sich über fallende Preise zu freuen, das hat natürlich auch seinen Preis bei jenen Firmen, die nicht mithalten können. Laut Maier gibt es derzeit 800 Modulhersteller und wer die historischen Entwicklung im Automobil- und Elektronikbereich kennt weiß, dass davon nur wenige übrig bleiben werden. Wir werden also noch viele Schreckensmeldungen hören, was den Markt aber nicht davon abhalten wird, massiv zu wachsen und jene, die die dunklen Stunden überleben, werden strahlend hervorgehen.

Strompreisrechner soll Netzparität öffentlich machen

Ich denke weiterer Grund, warum es die Masse noch nicht mitbekommen hat ist, dass niemand so recht den Strompreis einer PV-Anlage berechnen konnte und so auch nicht wusste, wo der im Vergleich zum einkauften Strom liegt. Diejenigen die sich freuen sollten sind ja die Kunden und nicht die Hersteller, nur wissen die eben noch nichts von ihrem Glück. Das Fraunhofer Insititut gibt regelmäßig Studien heraus, die müssen aber natürlich mit alten Zahlen rechnen und so können diese Studien nie am  Puls der Zeit sein und in der Photovoltaik sind 6-Monate alte Daten nunmal schon wieder alt. Da mich das schon lange genervt hat, hab ich mir letztes Jahr die LCOE-Formel entschlüsseln lassen und einen Strompreisrechner gebastelt. Da das Thema aber nie wirklich von jemand anderem aufgegriffen wurde, habe ich letzte Woche einen Gestehungskostenrechner für Solarteure veröffentlicht, damit alle mit eigenen Fingern ausrechnen können, dass wir bereits mittendrin sind, in der Netzparität.

Also Leute, feiern ist angesagt! Spread the word!

Wers noch immer nicht glaubt kann hier auch mit der Demoversion vom Strompreisrechner ein wenig herumspielen.

 
Über den Autor

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. Seit 2012 ist sie Chefredakteurin des von der Ritter Gruppe initiierten Solarthermieblogs Ecoquent-Positions und Mitbegründerin des größten deutschsprachigen Energiebloggerzusammenschlusses www.energieblogger.net. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die größte Einkaufsgemeinschaft für Unternehmen www.tausendundeindach.at und hält laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien.

4 Comments

  1. Ja natürlich, genau so ist es, wir sind mitten drin in der Netzparität.
    Aber die Zielgruppe, die sich darüber freuen könnte / sollte, die ist eben eine sehr heterogene: der Endkunde, insbesondere der private (aus preislicher Sicht).
    Aber auch nicht jeder Endkunde, sondern nur jene, die am eigenen Objekt eine PV-Anlage installieren können.
    Aber da auch nicht alle, denn dazu muss man Geld haben oder leihen.

    Drei Mal „aber“, drei Hemmschwellen: das reicht, um die Sache derzeit noch sehr langsam angehen zu lassen. Was in dieser Situation notwendig ist, ist Information und Motivation an potentielle InvestorInnen zu geben, Energieberatung durchzuführen, Smart Home Tools zur zeitlichen Abstimmung zwischen Supply und Demand in die Haushalte/Betriebe zu bringen.
    Insgesamt dauert das Jahre, aber das Potential ist enorm.

    Anmerkung: natürlich ist der Gewerbekunde eigentlich noch interessanter, aber der Einkaufspreis ex Steckdose auch tendentiell niedriger.

  2. Ich seh das auch in einem globaleren Kontext wo es eben bald möglich wird auch noch nicht elektrifizierten Teilen der Welt einen Zugang zu ermöglichen.

    Österreich hat mMn viel zu lang „zugewartet“ jetzt könnte man die Gangart durchaus etwas beschleunigen und ein System schaffen die die gute Entwicklung beschleunigt und nicht bremst wie es derzeit der Fall ist. Mit 50 MWp pro Jahr werden wir keine großen Sprünge machen.

    Die Kosten der Einführung sind nun auf ein Minimum gesunken.

  3. Ach ja, bevor jemand auf die Idee kommt, dass das ein Freibrief für ein Abschaffen von Einspeisetarifen sein soll. Im Gegenteil, es soll aufzeigen, dass genau JETZT der Zeitpunkt für einen richtig großen Wurf und dem Entfernen des leidigen Deckels gekommen ist. Der Netzparitätstarif der bei uns ja sogar schon im Gesetz verankert ist, wird nur minimale Kosten verursachen aber ein unglaubliches Investitionsvolumen entfesseln. Ohne ihn werden nur kleine Anlagen gebaut und das Ausbaupotenzial bleibt unter einem gesunden Niveau. Viel Geld wird einfach nicht investiert werden. Die Gefahr einer Blase ist bei den derzeitigen Bedingungen gegen 0 gesunken. Starkes Wachstum wäre jedoch möglich un wünschenswert.

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