Schlachten wir die heilige Kuh Industriestrom! – Preise haben sich seit 1980 kaum verändert

Es liegt mir eigentlich nichts ferner als Hetzjagden auf die Industrie zu betreiben, doch wenn Machtverhältnisse so ungleich verteilt sind, kann ich nicht anders. Blöderweise stoße ich bei Recherchen für mein Startup immer zufällig auf Ungereimtheiten in der Energiewirtschaft, die sich meinem Hausverstand einfach entziehen. Im letzten Beitrag (Mutig genug für 293 MWp, Herr Mitterlehner) habe ich das Thema Industriepreise kurz erwähnt; aus aktuellem Anlass möchte ich diese Diskussion hier weiterführen.

Das Hinterfragen eines Dogmas

Die grundlegende Frage lautet: Warum ist Industriestrom um so viel billiger als Haushaltsstrom? Also warum ist er in der Industrie weniger kostbar als im Haushalt? Ich nehme mal an, das hat neben der Wettbewerbsfähigkeit auch historische Gründe. Wir kennen das aus dem Metro Markt. Wer grössere Mengen kauft, bekommt einen besseren Preis. Das ist in Ordnung für Güter, die auch im Überfluss vorhanden sind und eben so viel wie möglich verkauft werden soll. Aber wie sieht das aus heutiger Sicht für Energie aus? Ist es klug, Anreize für den Mehrverbrauch eines Guts zu schaffen, welches in absehbarer Zeit knapper wird? Wenn ich so unglaublich wenig, nicht mal € 0,1/kWh bezahle, warum sollte ich da nur annähernd ans Energiesparen denken oder vielleicht auch noch in Effizienzmaßnahmen investieren?

Gleichberechtigung für Industrie- und Haushaltspreissteigerungen?

Preisvergleich Strom Industrie Haushalte

Und als ob das noch nicht genug wäre, ist Industriestrom nich nur billig, er hat sich seit 1980 fast nicht verändert, im Haushaltsbereich im selben Betrachtungszeitraum (1980-2008) jedoch um 38,2% erhöht!!! (von 12,72 ct auf 19,4 ct/kWh). Wenn es hier sowas wie „Gleichberechtigung“ gäbe, hätte Gewerbestrom 2008 12,91 ct/kWh und 2010 sogar 14,2 ct/kWh gekostet und nicht 9,6 ct/kWh. Ich konnte nicht einmal rausfinden, wie viel die Industrie 2010 zu zahlen hatte, obwohl ich sowohl bei Statistik Austria, E-Control und der Austrian Energy Agency nachgefragt habe. Der Zugang zur Datenbank sei abgelaufen… Die öffentlichen Daten sind noch dazu so aufbereitet, dass man sie nicht einfach vergleich kann. Vielleicht Absicht? Ich würde gerne wissen, mit welchen Zahlen die Ministerien arbeiten. Wer möchte kann hier die Preise selbst vergleichen, vielleicht habe ich ja etwas übersehen.

Das Ergebnis einer unglaublich starken Lobby?

Meine Conclusio aus der Sache: GRATULATION an die Interessensvertretung der Industrie. HUT AB für die Leistung den Strompreis für die Industrie auf einem so niedrigen Niveau zu halten! Interessanterweise ist das kein österreichisches Phänomen. In fast allen europäischen Ländern ist Gewerbestrom ähnlich günstig. Nur Italien macht schon wieder eine Ausnahme und hat die höchsten Gewerbestrompreise Europas (satte 17ct/kWh!!). Kein Wunder, dass dort der PV-Markt völlig außer Rand und Band ist.

Lösungsansatz für eine Reihe von Energieproblemen

Nun frage ich mich. Ist das die heilige Kuh der europäischen Energiewirtschaft, die nicht geschlachtet werden darf? Billiger Industriestrom? Und ist sie vielleicht die Lösung all unserer Probleme? Die Industrie bezahlt europaweit den Preis, den Energie kostet, muss deshalb Effizienzmaßnahmen einleiten und Erneuerbare Energien sind nebenbei die günstigere Alternative?

Ich glaube, das wäre wiedermal viel zu einfach, oder?

Grafik: Eigene Darstellung (Daten: Austrian Energy Agency)

 
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Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. Seit 2012 ist sie Chefredakteurin des von der Ritter Gruppe initiierten Solarthermieblogs Ecoquent-Positions und Mitbegründerin des größten deutschsprachigen Energiebloggerzusammenschlusses www.energieblogger.net. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die größte Einkaufsgemeinschaft für Unternehmen www.tausendundeindach.at und hält laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien.

3 Comments

  1. Wow! Interessante Debatte, die du hier angezettelt hast! Und ich stimme deiner Argumentation voll zu! In Deutschland haben sich die Strompreise in diesem Jahr wieder erhöht und ich glaube, einen Guten Ansatzpunkt für eine Kritik an dieser Preispolitik gefunden zu haben. Nun muss ich nur noch herausfinden, wie viel Industriestrom hier kostet.

  2. Wieder ein erstklassiger Ansatz! Ich werde diese Diskussion gerne auch in Deutschland führen. In der Tat muß die Energiewende im Bewußtsein stattfinden und viele selbstverständliche Dinge in Frage gestellt werden. Strom für die Industrie ist nur so „preiswert“ da er durch die Haushalte subventioniert wird. Eigentlich schon eine Frage des Kartellrechts?!

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