Mutig genug für 293 MWp, Herr Mitterlehner?

obs_20110323_obs0013.jpgWissen Sie was gestern passiert ist? Ein historischer Tag für Österreich… hätte es werden sollen. Die Ökostromnovelle wurde präsentiert. Ein Vorschlag für ein Gesetz, welches die absolute Energiewende in Österreich einleiten hätte können. In einer Zeit wo diesbezüglich ALLES möglich ist. Medial gab es trotzdem nur Nebengeräusche. Dabei haben wir gerade in diesem Moment, in der Begutachtungsphase dieses Gesetzes, wirklich die Möglichkeit etwas Großes zu bewegen. Ich hoffe, dass das auch die Massenmedien noch rechtzeitig erkennen. Mutige Journalisten und Blogger des Landes – erhebet euch!

Ich persönlich war voller Hoffnung als ich gehört hatte, dass es nun doch eine Änderung des Ökostromgesetzes geben würde, wo im Februar erst jenes für 2011 verabschiedet wurde. Meinem Ärger darüber hatte ich hier Luft gemacht. Nachdem ich gestern live dabei war, werde ich wieder meinen Senf dazugeben. Bevor man weiterliest, sollte man sich über die generellen Inhalte in der Presseaussendung  oder einem Massenmedium (siehe Links am Ende des Blog) informieren. Ich werde das hier nicht nochmal wiederholen.

Über 3000 PV-Anlagen können in einem Schub gebaut werden – Bravo!

Die einzig wirklich gute Nachricht im Vorschlag ist, dass 2011 in einem Schub die Warteliste an eingereichten Projekten drastisch minimiert wird und so zB. im Bereich Photovoltaik 3150 Anlagen mit einem Tarif um die 30ct/kWh gebaut werden können. Das wird der Branche sicher gut tun und die Anlagenbauer tun vermutlich gut daran diese Chance zu nutzen und an internen Kostenstrukturen zu arbeiten. Die Degressionssätze finde ich für PV auch sinnvoll. Sie führen zu schnelleren Investitionsentscheidungen.

Mut sieht anders aus

Das wars dann aber schon mit den Good News… der Deckel bleibt nach wie vor erhalten und Millionen Investitionskapital, die dem Staat auch massig Geld bringen würden, werden wieder in Warteposition geschickt. Die Angst vor Übersubventionierung ist sichtlich groß. Die langen Wartelisten bei den Anlagen sind natürlich furchteinflößend, aber anstatt mit einem  ungedeckelten aber niedrigeren Tarif, den man gegebenenfalls erhöht, zu arbeiten, wird eine künstliche Bremse eingebaut. Ich bin vor allem deshalb enttäuscht, weil dieser Entwurf sicherlich vor Fukushima entstanden ist. Er wird jetzt vielleicht noch leichter durchsetzbar, aber durchsetzbar war er in dieser Form schon vor der unbeschreiblichen Katastrophe. Mich macht vor allem stutzig, dass die Hauptbremsen eines sinnvollen Ökostromsystems, WKO und  AK dem Vorschlag vollinhaltlich zustimmen. Von Kompromiss kann da wohl schwer die Rede sein.

Stand-by Gebühr für Ökostrom und Effizienzanreize für die Industrie

Für die Abarbeitung der Anträge müssen  €10,-/Jahr mehr bezahlt werden. Nachdem in diversen Foren schon wieder diese lächerliche Diskussion losgeht, ob wir uns das leisten können, hier meine Meinung dazu. Herr und Frau Österreicher verbrauchen in ihrem Haushalt im Durchschnitt 218 kWh pro Jahr an Stand-by Kosten. Das sind unglaubliche € 42,- bei 0,15 €/kWh. Ich kann diese Zahl kaum glauben, aber sie sind von Statistik Austria.

Stand-by Verbrauch

Ich würde die zusätzlichen Kosten durch Ökostrom genau um diesen Betrag erhöhen. Schließlich wäre es ein leichtes, diesen Teil einzusparen. Ein Thema welches trotzdem noch gesagt werden muss: Die Industrie sollte nicht weiter geschont werden. Höhere Energiekosten pro kWh würden sie zu Energieeffizienzmaßnamen zwingen. Diese Einmalgebühr über die Zählpunktpasuchale, die nicht einmal an den Energieverbrauch gekoppelt ist, hat genau ZERO Lenkungspotential. Das Feigenblatt der Wettbewerbsfähigkeit können sich die Herrschaften gerne an den gamsbartverzierten Hut stecken. Das Einsparungspotential müsste enorm sein, wenn ich schon bei einem Minihaushalt mit grad mal  3500 kWh ohne Verzicht 42,- sparen kann.

Kinder und Enkerl um das Geld bitten

Wem diese Mehrkosten zu viel sind, der soll einfach seine Kinder und Enkerl um das Geld fragen. Die haben hier vermutlich ein gewisses Eigeninteresse… (Macht sie das eigentlich zu Lobbyisten? ;-) Für Studenten hab ich leider keine passende Lösung, sorry! (Oder doch: Ein paar Bier weniger tuns auch…)  Natürlich gibt es einige Menschen in Österreich, denen dieses Geld wirklich am Ende des Jahres fehlt. Diejenigen bekommen es aber auch zurückerstattet. Das habe ich auch bereits beim Blogbeitrag: Einspeisetarife für Anfänger erläutert.

Und bitte nicht vergessen: Langfristig ist das die günstigere Lösung!!!!!Solange es keine Vollkostenrechnung für fossile und atomare Energien gibt, muss das Marktgleichgewicht künstlich hergestellt werden.

 PV-Zubau im Vergleich – 296 MWp ist die Zahl der Stunde

Um abschließend zu meinem Hauptanliegen zu kommen, zuerst ein Vergleich zwischen Österreich und Deutschland. In diesem Vergleich wird übrigens auch deutlich, wie kompliziert unser System ist. Es lässt sich nichtmal selbsterklärend darstellen, wie viel zugebaut wurde und in Zukunft wird. (Die Österreich-Zahlen sind persönliche Schätzwerte, da es noch keine offiziellen Zahlen dazu gibt. Anmerkungen sind jederzeit willkommen.)

Österreich

  • Zubau 2010: ca. 20 MWp (ca. 5000 gebaute Anlagen á 5 kWp)
  • 2011: Abbau Warteliste: 15-30 MWp  (3100 Anlagen á 5-10 kWp)
  • Tarifförderung: 25-30 MWp/Jahr (Auskunft Ministerium)
  • Investitionsförderung: 15 MWp/Jahr KLIEN (35 Mio für 5 kWp Anlagen)
  • Länderförderungen: ??/Jahr
  • Gesamt 2011: 55-75 MWp/Jahr

Deutschland

  • Zubau 2010  7400 MWp (ca. 730 MWp umgelegt auf Einwohnerzahl Österreichs)
  • Geplanter Zubau für die nächsten Jahre: 3000 MWp/Jahr  (ca. 296 MWp umgelegt auf die Einwohnerzahl Österreichs)

Es steht also 75: 296 im Match Österreich : Deutschland. Sind wir nicht sonst auch immer so erpicht darauf die Piefke zu schlagen? Deshalb meine Aufforderung an Herrn Minister Mitterlehner: Wenn von den Anlagenbauern schon verlangt wird, mit deutschen Einspeisetarifen mitzuhalten, sollen sie auch mit denselben Marktvolumina arbeiten können.

296 MWp für Österreich, DAS wäre mutig.


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Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

12 Comments

  1. was ich mich im besonderen zum thema energieverbrauch frage: warum wird in den diskussionen „sparen“ oder zumindest „bewusster umgang/verbrauch“ komplett ausser acht gelassen… wir alle haben schon mal von „knappen gütern“ gehört… warum gilt das nicht für strom aus der steckdose? warum kann sich unsere generation nicht mit dem gedanken anfreunden sparen zu müssen oder sich eine begrenzte (nämlich die leistbare) menge bewusst einzuteilen. ich glaube ein erhöhter preis würde sich als steuerungsmechanismus bestens eignen. aber ein erhöhter preis für weiterentwicklung der technologie im bereich von erneuerbaren energie und kostenwahrheit (im sinne von gemeinkosten für die gesellschaft) für fossile und atomenergie – und nicht quersubventionierung von budgetlöchern (–> die eigentlich aus einsparungs- und reformbedarf von anderen großbaustellen kommen, die sich niemand angreifen traut aufgrund von verlustängsten (nämlich verlust von wählerstimmen ;-) ). und für alle die, die preiserhöhungen verteufeln weil wir eh alle schon sooo viel steuern zahlen: überlegen sie mal folgende denkvariante:
    „möchten sie gerne mehr für ökostrom zahlen?? – NEIN…“
    ABER
    „Würden sie einen Betrag von Eur 52 p.a. ( 1 Eur pro Woche!!!) spenden, um ihren Kindern und Enkelnkindern eine sauberere atomenergiefreie Umwelt zu hinterlassen“ … „….“

    die antwort wahrscheinlich nicht mehr so eindeutig. und, wie gesagt, vielleicht würde ein höherer preis viele menschen auch zum nachdenken und bewussten umgang mit energie anregen und viele probleme würden sich dadurch lösen bevor sie eingetreten sind…

  2. @ts von alleine wird eben leider niemand weniger strom verbrauchen. Die einzige Möglichkeit ist Kostenwahrheit, ich kanns nicht oft genug sagen…

    Vielen Dank für die Kommentare, ich freue mich über jeden einzelnen und hoffe, dass noch mehr ihre Meinung zu diesem Thema posten!

  3. Solarstrom erhält in Österreich nicht annähernd die Unterstützung, die wir für diese Technologie brauchen. Im Ergebnis ist Österreich komplett unattraktiv bzw. es ist schlichzt kein Investitionsland. Wichtig ist auf jeden Fall irgendein Modell das dauerhaft (mind. 20 Jahre) die Solar-Stromabnahme verbindlich regelt. Da hätten alle etwas davon, vor allem die Kommunen, da die Investitionen die kommunale Wertschöpfung extrem steigern. In Deutschland verbraucht ein Bürger im Schnitt bis zu 5 Euro für Energie am Tag, die leider nicht lokal erzeugt (also wertgeschöpft) wird. Dieses Potenzial gilt es zu heben. Solarstrom ist hier die Antwort. Erst recht in diesen Zeiten!

  4. Die Vollkostenrechnung vergessen tatsächlich viele, die sich über die vermeintliche Übersubventionierung aufregen. Ich drück jedenfalls die Daumen, dass Österreich doch noch ein großer Wurf gelingt.

  5. @Olaf Achilles 20 Jahre… davon kann man hier nur träumen. Mit Glück 13 Jahre, das habe ich im Beitrag gar nicht erwähnt. Dieser Umstand macht es leider noch „unmöglicher“ mit deutschen Einspeisetarifen mitzuhalten.

  6. Für alle Energie- und Elektromobilitätinteressierten
    am 1. April um 16:00 Uhr gibt es in der New Design University in St. Pölten einen Impulsvortrag von Dr. Ulrike Riedl mit dem Titel „Energie bewegt“. Es wird über die Themen Energieautarkie und Elektromobilität vorgetragen.

    Ebenfalls wird der neue Studiengang Energieautarkie & Elektromobilität (vorbehaltlich der Genehmigung durch den österr. Akkreditierungsrat) vorgestellt.

  7. @Cornelia Ich als Solarteur gehe hier wie andere aus der Branche wie Herr Aspeck von Solarworld von einer geringeren Einspeisevergütung aus. Mein Vorschlag wäre ohne Deckel 18 Cent pro kWh aber das Europaweit und ohne Mengenbegrenzung. Oder für Endkunden so wie in den USA einfach den Zähler retour laufen lassen. Also 1:1 Vergütung. Bei Gewerblichen sind 18 Cent bei Freiland Anlagen möglich. Gleichzeitig muß aber eine Finanzierung für Solarkraftwerk betreiber machbar gemacht werden. Dazu ist eine stabile Förderung in Österreich notwendig, da die Banken das Geschäft auch einmal lernen müssen. Aber wichtig wäre für die Branche das Ermöglichen von großen Mengen, denn nur so kann es billiger werden. SMA warnt schon vor einem Rückgang der Mengen! #skaleneffekte

  8. Wow, sogar 18ct, ich hätte ca. 20ct geschätzt. Rückwärtsdrehen, JA! Ich frag mich wirklich warum das so ein Problem ist. Vermutlich fehlt sonst der Geldstrom in den Energieversorgern, obwohls unterm Strich egal wär. Warum einfach wenns auch kompliziert geht, sag ich nur!

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